Mehr KI, weniger Akzeptanz? Was bei der Einführung schiefläuft

Der KI-Einsatz wächst, doch Regeln, Qualifizierung und Vertrauen halten nicht Schritt. Aktuelle Zahlen zeigen, warum Beschäftigte trotz grundsätzlicher Offenheit zunehmend frustriert sind – und weshalb der AI Act allein das Problem nicht löst.
Unternehmen treiben den Einsatz Künstlicher Intelligenz voran. Doch Akzeptanz entsteht nicht automatisch: Während viele Beschäftigte grundsätzlich offen für KI-Unterstützung sind, fehlen häufig klare Regeln, ausreichende Qualifizierung und verlässliche Ergebnisse. Eine aktuelle Befragung unter Wissensarbeitenden zeigt, wie schnell aus der versprochenen Entlastung zusätzlicher Aufwand werden kann.
KI-Einsatz wächst schneller als Regeln und Qualifizierung
Wie groß die Lücke zwischen Nutzung und organisatorischer Vorbereitung ist, zeigt der im Februar 2026 veröffentlichte Bitkom-Studienbericht „Künstliche Intelligenz in Deutschland“. Grundlage sind repräsentative Befragungen von 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten und 1.005 Personen in Deutschland aus dem Jahr 2025.
36 Prozent der Unternehmen setzten zu diesem Zeitpunkt bereits KI ein. Verbindliche Regeln für den Einsatz generativer KI hatten jedoch nur 23 Prozent etabliert. Auch bei der Qualifizierung bestand Nachholbedarf: 43 Prozent der Unternehmen boten keinerlei Schulungen zum Umgang mit KI an.
Dabei stehen viele Beschäftigte der Technologie grundsätzlich offen gegenüber. 56 Prozent der Erwerbstätigen würden es begrüßen, bei ihrer Arbeit durch KI unterstützt zu werden. Ob diese Erwartung erfüllt wird, hängt jedoch stark davon ab, wie die Anwendungen eingeführt und im Arbeitsalltag begleitet werden.

Wenn die versprochene Entlastung ausbleibt
Wie problematisch die konkrete Nutzung erlebt werden kann, zeigt eine neue Befragung des Technologieberatungsunternehmens Adaptavist. Dafür wurden im März 2026 insgesamt 2.500 Wissensarbeitende aus Deutschland, Großbritannien, Spanien, den USA und Kanada befragt, darunter 500 Personen in Deutschland. Die Untersuchung ist ein kommerzieller Unternehmensreport und nicht repräsentativ für alle Beschäftigten, liefert aber ein aktuelles Stimmungsbild aus der Wissensarbeit.
Fast drei Viertel der deutschen Befragten sehnen sich demnach regelmäßig nach der Arbeitswelt vor generativer KI zurück. 41 Prozent würden entsprechende Anwendungen am liebsten vollständig abschaffen. Besonders deutlich wird der Frust beim Produktivitätsversprechen: 39 Prozent geben an, mehr Zeit für die Prüfung und Korrektur von KI-Ergebnissen aufzuwenden, als sie durch deren Einsatz einsparen.
42 Prozent berichten, dass minderwertige KI-Ergebnisse Projekte verlangsamen. 49 Prozent sehen dadurch die Effizienz ihres gesamten Teams beeinträchtigt. Gleichzeitig wünschen sich 67 Prozent, dass ihr Unternehmen den KI-Einsatz ausweitet.
Dieser scheinbare Widerspruch ist entscheidend: Die Befragten lehnen KI offenbar nicht grundsätzlich ab. Sie sind vielmehr unzufrieden damit, wie die Technologie eingesetzt wird, welche Qualität ihre Ergebnisse haben und welcher zusätzliche Kontrollaufwand dadurch entsteht.
Akzeptanz braucht mehr als Zugang zu einem Tool
Die beiden Untersuchungen betrachten unterschiedliche Gruppen und lassen sich nicht unmittelbar miteinander vergleichen. Zusammengenommen weisen sie jedoch auf eine gemeinsame Herausforderung hin: Der KI-Einsatz wächst schneller als die Strukturen, die Orientierung, Kompetenz und Vertrauen schaffen.
Für Führung und Interne Kommunikation ergeben sich daraus konkrete Aufgaben. Mitarbeitende müssen wissen, welche Anwendungen für welche Tätigkeiten vorgesehen sind, welche Regeln und Qualitätsstandards gelten und wer für die Ergebnisse verantwortlich bleibt. Ebenso wichtig sind Anlaufstellen für Fragen und Möglichkeiten, Fehler, ungeeignete Anwendungsfälle oder zusätzlichen Aufwand zurückzumelden.
Auch die Erfolgsmessung sollte über Nutzungszahlen hinausgehen. Wie häufig eine Anwendung geöffnet wird, sagt noch wenig darüber aus, ob sie die Arbeit tatsächlich erleichtert. Relevanter sind Fragen wie: Spart das Tool Zeit? Verbessert es die Qualität? Entstehen neue Kontrollschleifen? Und fühlen sich Beschäftigte sicher genug, um Zweifel und Fehler offen anzusprechen?
Nicht jede zurückhaltende Reaktion ist dabei Widerstand gegen KI. Sie kann ebenso ein Hinweis darauf sein, dass eine Anwendung noch nicht zuverlässig funktioniert, ihr Nutzen unklar bleibt oder Beschäftigte mit den Folgen der Einführung allein gelassen werden.
Der AI Act setzt neue Leitplanken
Der europäische AI Act greift einige dieser Fragen auf. Bereits seit Februar 2025 müssen Anbieter und Organisationen, die KI-Systeme einsetzen, Maßnahmen ergreifen, um bei den beteiligten Beschäftigten ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz sicherzustellen. Welche Qualifizierung erforderlich ist, hängt unter anderem von den vorhandenen Kenntnissen und dem jeweiligen Nutzungskontext ab.
Seit dem 2. August 2026 gelten zudem die Transparenzpflichten aus Artikel 50. Sie betreffen unter anderem die direkte Interaktion mit bestimmten KI-Systemen sowie Deepfakes und bestimmte KI-generierte oder manipulierte Inhalte. Bei Texten zu Angelegenheiten von öffentlichem Interesse gelten Offenlegungspflichten insbesondere dann, wenn keine menschliche Prüfung oder redaktionelle Kontrolle stattgefunden hat.
Der AI Act kann damit für mehr Verbindlichkeit sorgen. Er ersetzt jedoch keine verständlichen internen Regeln, passenden Schulungen und verlässlichen Prozesse. Ob Beschäftigte KI akzeptieren und sinnvoll einsetzen, entscheidet sich weiterhin im konkreten Arbeitsalltag.
Anbieter reagieren auf das Vertrauensproblem
Auch Anbieter von Plattformen für die Interne Kommunikation greifen diese Herausforderung auf. Staffbase hat im Juni 2026 einen „AI Trust Hub“ vorgestellt. Unternehmen sollen damit unter anderem festlegen können, auf welche Datenquellen KI-Anwendungen zugreifen, welche Inhalte priorisiert werden und wie Antworten abhängig von Rolle, Standort oder Sprache ausgespielt werden.
Bestehende Berechtigungen sollen berücksichtigt und veraltete Inhalte automatisch erkannt werden. Damit reagiert Staffbase auf das Risiko plausibel klingender Antworten, die zwar fast richtig, aber nicht aktuell oder für den jeweiligen Kontext ungeeignet sind. Die Angaben zu den Funktionen stammen vom Anbieter selbst.
Das Beispiel zeigt, wie sich die Diskussion verschiebt: Es geht nicht mehr allein darum, ob Unternehmen KI anbieten. Entscheidend wird, ob die zugrunde liegenden Informationen aktuell sind, Zuständigkeiten geklärt sind und Mitarbeitende den Ergebnissen vertrauen können. Erst dann kann aus wachsender KI-Nutzung auch tatsächliche Entlastung werden.
- Quellen: Bitkom: Künstliche Intelligenz in Deutschland – Studienbericht 2026
- Adaptavist: Understanding the human cost of AI transformation
- t3n: KI-Müdigkeit – fast drei Viertel wünschen sich die Arbeitswelt vor ChatGPT zurück
- Europäische Kommission: Fragen und Antworten zur KI-Kompetenz nach Artikel 4
- Europäische Kommission: Leitlinien zu den Transparenzpflichten nach Artikel 50
- Staffbase: „Fast richtige Antworten“ werden zum neuen Risiko für Unternehmen
