Wo steht Deutschland im Intranet-Vergleich mit den USA? Auf dem „Intranet Global Forum“ in New York werden jährlich die neuesten Trends der digitalen internen Kommunikation präsentiert. Doch wer vermutet, dass der US-Markt hier Europa und besonders Deutschland um zwei bis drei Jahre voraus ist, der irrt: Vergleicht man die auf der New Yorker Intranet-Konferenz im Oktober 2016 vorgestellten Plattformen von Coca Cola, Cisco oder auch Pfizer mit denen, die in den vergangenen Monaten von deutschen Unternehmen eingeführt wurden, so lässt sich Folgendes feststellen:

Deutschland wird social

Bei vielen Intranet-Projekten in Deutschland steht die transparente Kommunikation und Zusammenarbeit im Fokus. Die Adaption von Interaktionsfunktionen (liken, kommentieren, vernetzen, folgen) wird vorangetrieben und auch die Vernetzung über das Unternehmen hinaus soll ermöglicht werden. Damit gehen viele deutsche Projekte weit über den Fokus von den vorgestellten US-Intranets hinaus. Hier dominieren immer noch „klassische“ Intranet-Ansätze mit vielen redaktionell gepflegten Widgets auf der Startseite. Social Collaboration wird dann eher über parallel betriebene Plattformen wie IBM Connections oder Yammer betrieben. In vielen Projekten in Deutschland steht heute schon der „Activity Stream“ als zentrales Element auf der Startseite. Hier laufen alle Neuigkeiten zusammen und Nutzer folgen Themen und Abteilungen, statt sich mühsam durch redaktionelle Bereiche zu wühlen. 1:0 für Deutschland.

Amerika kommuniziert mobil

Schaut man auf die mobilen Komponenten von Intranets, so haben die US-Unternehmen durchaus schon mehrere Jahre Vorsprung. Egal, ob es sich um mobile Apps, responsive Intranets oder die Integration von Intranet-Inhalten in bestehende Apps für Service-Techniker oder den Vertrieb handelt. Es sind alle Lösungen vertreten und werden munter ausprobiert. Folglich zählt die Devise: „Lass es uns anbieten und prüfen, welche Inhalte über welche Kanäle funktionieren.“ In Deutschland hingegen befinden wir uns noch im mobilen Intranet-Entwicklungsland. Vielfach bleibt es in den Unternehmen nach wie vor Realität, dass auf die Cloud-Nutzung verzichtet wird, keine privaten Endgeräte erlaubt sind und kein flächendeckendes W-LAN im Unternehmen vorhanden ist. 1:1, der Ausgleich für die USA.

Amerika testet

Das Intranet muss mit Amazon, Facebook und WhatsApp konkurrieren können. Denn geht es um die Kommunikationszeit der Mitarbeiter, liegen diese Anwendungen nur einen Finger breit neben der Intranet-App oder ein Endgerät weiter neben dem Desktop-PC. Ist das Intranet ein alter Hobel, wird sich der Mitarbeiter für die bessere Anwendung entscheiden und ohne Hürden und Barrieren lieber mit seinen Kollegen über die Social-Media-Plattformen kommunizieren. Daher testen US-Firmen Intranets genauso intensiv und gründlich wie ihre Websites. Die Arbeit mit Fokus-Gruppen, die Ausprägung von Personas, umfangreiche Usability-Tests vor und nach dem Go-Live – das alles ist Routine. Nicht so in Deutschland. Hier werden diese Tests oft dem Aufwand für die letzten 20 Prozent der Funktionsumsetzung geopfert. Amerika geht in Führung: 2:1.

Deutschland arbeitet gründlich

Eine typisch deutsche Tugend: Intranet-Projekte werden gründlich durchdacht, gemeinsam mit darauf spezialisierten Dienstleistern umgesetzt und auch in den Kontext einer übergreifenden Digitalstrategie eingebettet. Die US-Kollegen arbeiten für Intranets eher mit internen Ressourcen, einigen Freiberuflern und punktuell mit Kreativagenturen. Dadurch erscheint es in diesem Kontext eher als „trial and error“-Ansatz, statt als mittelfristig geplantes und durchdachtes Vorhaben. Beide Ansätze haben ihre Vor- und Nachteile. Allerdings scheint sich für die unternehmensweite Digitalisierung der deutsche Ansatz zu bewähren. In international agierenden Unternehmen bleiben die Schnellboote oft auf der Strecke liegen und werden durch die anspruchsvoll geplanten Lösungen ersetzt. Elfmeter im Nachschuss versenkt: 2:2.

Fazit: Deutschland betritt mit seinen Intranets kein Neuland, sondern digitalisiert Kommunikation und Zusammenarbeit gründlich und sehr modern. Nachholbedarf gibt es in Sachen mobile Lösungen und professionelles Testen der Nutzerakzeptanz.

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Lutz Hirsch ist Executive Partner bei HIRSCHTEC und seit 1996 in der IT- und Internetbranche aktiv. Nach Stationen bei d.d. synergy (Bereichsleiter Intranet/Groupware) und der IBM Global Services (Principal Consultant) gründete er 2003 die Firma HIRSCHTEC Infoarchitects. 2009 wurde ihm ein Lehrauftrag der FH Brandenburg im Fachbereich Wirtschaftsinformatik zum Thema „Web 2.0 in der Unternehmens-praxis“ erteilt. Lutz Hirsch ist Mitglied des Information Architecture Institute. Außerdem sitzt er seit Oktober 2010 im Aufsichtsrat der HanseSafe AG.

 

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