»Ruhe zu bewahren, ist keine Schwäche.«

Mario Reiß, Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, über Führung unter Druck, Vertrauen im Arbeitskampf und generationengerechte Kommunikation
Herr Reiß, Sie sind seit über 30 Jahren in der GDL aktiv. Welche Krisen haben Sie persönlich besonders geprägt?
Die Bahnreform 1994 war ein harter Einschnitt – der Übergang ins Aktienrecht, die ersten Personalabbauwellen, Unsicherheit auf beiden Seiten. Als Lokführer habe ich miterlebt, wie sich Arbeitsrealitäten radikal verändert haben: Von einem vielseitigen Berufsbild mit Güter-, Fern- und Regionalverkehr hin zur Spezialisierung und Segmentierung. Später kamen weitere Rationalisierungswellen. Ich habe fünf feste Abbaurunden miterlebt – das hat Spuren hinterlassen. Man sieht, was passiert, wenn man nur spart statt langfristig denkt.
Wie bleiben Sie in stressigen Situationen gelassen?
Ich lasse Dinge erst mal auf mich zukommen. Wichtig ist für mich, nicht allein zu entscheiden, sondern im kleinen Kreis zu besprechen, unterschiedliche Perspektiven einzuholen. Man muss nicht immer sofort reagieren – manchmal hilft es, kurz durchzuatmen. Probleme gehören zum Leben. Entscheidend ist, ob man daraus wächst.
Was sollte eine Führungspersönlichkeit mitbringen – und welche Schwächen sind erlaubt?
Ehrlichkeit, Kritikfähigkeit, Klarheit. Man sollte keine Angst davor haben, auch mal Fehler zu machen. Wichtig ist, dass man mit den Menschen umgehen kann – ob Mitarbeitende, Mitglieder oder eigene Kolleginnen und Kollegen. Und man sollte sich bewusst sein, dass man mehrere Rollen trägt: Gewerkschaftsvertreter, Arbeitgeber, Ansprechpartner, manchmal auch Blitzableiter.
Sie führen knapp 40.000 Mitglieder. Was haben Sie nach einem halben Jahr im Amt gelernt?
Dass das Gesicht einer Gewerkschaft nicht die Kameraauftritte des Vorsitzenden sind, sondern das, was vor Ort passiert. Unsere Mitglieder erleben die GDL in der täglichen Begleitung, beim Eintritt in den Beruf, in Auseinandersetzungen, im Kollegenkreis. Wir bieten nicht nur Rechtsberatung – wir übernehmen Verantwortung. Wenn das spürbar ist, spricht sich das herum. So wächst Vertrauen.
»Die Eisenbahnberufe werden in ihrer Art immer eine Rolle spielen.«
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus – jenseits von Streiks und Schlagzeilen?
Vielfältig. Ich bin ständig unterwegs, bei Ortsgruppen, Versammlungen, Gesprächen mit Politik, Juristen, Gremien. Oft nehme ich Themen aus dem direkten Kontakt mit und trage sie zurück in die Organisation. Und ein Großteil unserer Arbeit wird im Ehrenamt geleistet. Über 1.500 Kolleginnen und Kollegen engagieren sich mit Herzblut. Das ist unser Rückgrat.
Ihr Vorgänger Claus Weselsky hat sich laut Generalversammlung »unermüdlich, kompetent und erfolgreich in den Dienst der Lokführer*innen« gestellt. Den- noch hatte er teilweise einen rüden Ton – kommt man mit Zurückhaltung nicht durch im Arbeitskampf?
Im Arbeitskampf ist Zurückhaltung kein guter Ratgeber. Man braucht Klartext – auch wenn man sich dafür später erklären muss. Claus Weselsky hat mit Deutlichkeit geführt, das wurde geschätzt. Ich sehe meine Aufgabe darin, Klarheit zu bewahren, ohne zu überzeichnen. Manchmal darf es auch laut werden – aber es muss sitzen.
Wie wird intern kommuniziert, wenn die GDL zum Streik aufruft?
Das Vertrauen ist tief – wir müssen nicht jedes Detail erklären, bevor wir handeln. Aber wir tun es trotzdem. In den Ortsgruppen, in internen Runden, bei digitalen Formaten. Wenn wir sagen: Jetzt ist Auseinandersetzung nötig, dann steht die Mannschaft. Diese Verlässlichkeit ist Teil unserer DNA – das baut man nicht in drei Wochen auf, das entsteht über Jahre.
»Wir vertreten Berufe – nicht Betriebe.«
Sie sprechen von Vertrauen und Geschlossenheit. Gleichzeitig läuft seit Jah- ren ein Konflikt mit der DB AG über die Anwendung Ihrer Tarifverträge. Worum geht es dabei konkret?
Wir kämpfen seit drei Jahren darum, dass unsere Tarifverträge in allen Betrieben zur Anwendung kommen, in denen wir stark vertreten sind. Die DB AG verweigert das systematisch – sie erklärt über 80 Prozent ihrer Betriebe kurzerhand zu EVG-Betrieben. Damit wird unseren Mitgliedern der GDL-Tarif vorenthalten, obwohl wir dort die Mehrheit stellen. Das ist rechtsstaatlich bedenklich und entwertet das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit. Wir sind inzwischen beim Bundesarbeitsgericht – weil wir das so nicht hinnehmen.
Wie erleben Sie die aktuelle Lage bei DB Cargo – auch aus Sicht Ihrer Mitglieder?
Es ist für viele Kolleg*innen frustrierend. Es werden Züge nicht gefahren, obwohl Lokführer*innen bereitstehen. Ich war kürzlich bei einer Ortsgruppensitzung – mehr als die Hälfte der Anwesenden kamen von DB Cargo. Die berichten: Sie sitzen einsatzbereit in der Bereitschaft, der Zug steht draußen – aber sie dürfen ihn nicht fahren, weil der nicht mehr ihrer Zuständigkeit zugeordnet ist. Gleich- zeitig werden 5000 Stellen abgebaut. Aus unserer Sicht fehlt eine klare Strategie. Statt mit dem vorhandenen Personal produktiv zu arbeiten, entstehen Leerläufe. Man spart kurzfristig, schadet aber dem System. Und das trifft auch unsere Mitglieder – sie wollen arbeiten, sie können arbeiten, aber sie dürfen nicht. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern auch eine kommunikative. Wer Lokführer*innen ruft, sie dann aber blockiert, verliert Vertrauen – intern wie extern.
Inwiefern ist eine Zusammenarbeit mit der EVG denkbar – etwa für politische Ziele?
Grundsätzlich ist das nicht ausgeschlossen – etwa wenn es um übergeordnete Themen wie die Modernisierung der Schiene, Klimaschutz oder mehr Investitionen geht. Aber wir haben 2002 bewusst den Schulterschluss mit der EVG und ihrer Vorgängerorganisation GDBA verlassen. In jeder Tarifrunde wurde deutlich: Für das Zugpersonal – mit seinen spezifischen Belastungen in Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit – war dort kein Platz. Unsere Forderungen wurden als Sonder- wünsche abgetan. Das hat uns gezeigt: Wenn wir unsere Leute ernsthaft vertreten wollen, müssen wir es selbst tun. Wir vertreten Berufe – nicht Betriebe. Die EVG verhandelt oft unternehmensbezogen, wir denken vom konkreten Berufsbild aus. Das führt zwangsläufig zu unterschiedlichen Interessenlagen. Aber: Wenn es in der Sache hilft – und nicht auf dem Rücken unserer Leute ausgetragen wird – bin ich für punktuelle Zusammenarbeit offen.
Was hält die GDL in Krisen intern zusammen?
Wir haben eine Verantwortungskultur. Jede*r wird gebraucht, jede*r hat seinen Platz. In schwierigen Zeiten zeigt sich, wie stark das trägt. Und ja, Krisen können auch verbinden. Wenn am Ende ein Ergebnis steht, das alle nachvollziehen können, entsteht ein Gefühl von: Das haben wir gemeinsam geschafft.
Wie gestalten Sie die Kommunikation generationengerecht – vor allem für die Gen Z?
Junge Kolleginnen und Kollegen wollen wissen, was passiert – und warum. Sie fragen kritisch nach, erwarten Klarheit und digitale Kanäle. Formate wie unsere Infoveranstaltungen werden gut angenommen. Wer heute 20 ist, will nicht belehrt werden, sondern eingebunden. Ehrlichkeit ist da wichtiger als Hochglanz.
»Krisen können auch verbinden – wenn am Ende ein gemeinsames Ergebnis steht.«
Die 35-Stunden-Woche für Schichtarbeitende gilt als Meilenstein. Wie wird sie angenommen?
Sehr gut. Viele Arbeitgeber waren zunächst skeptisch, auch wegen des Personalbedarfs. Aber inzwischen bekommen wir Rückmeldungen, dass die Flexibilisierung funktioniert. Bei der ODEG zum Beispiel hat sich gezeigt, dass rund ein Drittel der Beschäftigten die verkürzte Wochenarbeitszeit nutzt, ein Drittel bleibt bei 38 Stunden – und ein weiteres Drittel arbeitet sogar mehr. Das Modell bringt spürbare Wahlfreiheit. Und: Es wirkt als echtes Argument in der Nachwuchsgewinnung.
Wie stehen Sie zu neuen Technologien – etwa KI?
Wir können uns der Entwicklung nicht entziehen, aber wir gehen mit Bedacht vor. KI wird Prozesse verändern, auch in der GDL. Aber Menschlichkeit darf nicht auf der Strecke bleiben. Wir setzen auf Fachleute und prüfen, was wirklich hilft – nicht alles, was technisch möglich ist, ist sinnvoll. Wichtig ist, dass wir den Menschen nicht aus dem Blick verlieren.
Krisenzeiten können psychisch belastend sein – welche Maßnahmen sind wichtig, um Resilienz und Wohlbefinden zu fördern?
Wir stellen fest, dass psychische Belastungen zunehmen – das betrifft nicht nur die Eisenbahn, sondern die ganze Gesellschaft. Ich glaube, wir haben verlernt, eigene Grenzen zu ziehen. Kommunikation muss deshalb Orientierung geben: Was ist wichtig, was ist machbar? Wir brauchen Klarheit, nicht noch mehr Überforderung. Wir sprechen offen über Belastung – aber ohne zu dramatisieren.
Würden Sie manchmal gerne wieder selbst als Lokführer arbeiten?
Der Lokführerjob war für mich immer etwas Besonderes. Ich habe ihn gern gemacht – vom Güterzug bis zur S-Bahn. Aber die Technik hat sich enorm verän- dert, die Vorschriften auch. Ich würde den Beruf heute nicht mehr aus dem Stand ausüben können. Trotzdem: Wenn ich sehe, was die Kolleg*innen täglich leisten, bin ich stolz. Und es ist gut zu wissen, dass ich jetzt etwas dafür tun kann, dass es ihnen besser geht.
Mein Neffe ist 18 und liebt die Bahn – würden Sie ihm den Beruf des Eisenbahners empfehlen?
Unbedingt. Die Eisenbahn ist komplex, vielfältig, systemrelevant. Wer Technik mag, wer Struktur sucht, wer Teil von etwas Größerem sein will – der ist hier richtig. Aber man muss wissen: Es ist kein Selbstläufer. Schichtdienst, Verantwortung, viele Vorschriften. Trotzdem: Die Berufe, die die Eisenbahn bewegen, werden – gerade in Deutschland und im Gesamtkontext des Verkehrs – immer eine Rolle spielen. Das heißt auch: Es ist ein sicherer Arbeitsplatz. Wer sich reinhängt, findet hier nicht nur einen Job, sondern eine Aufgabe mit Zukunft.
Interesse geweckt?
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