Sigi Lieb, Inhaberin von gesprächswert, arbeitet zum Thema Mindset, Sprache und Kommunikation. In diesem Gastbeitrag schreibt sie darüber, wie unser Umgang mit Fehlern unser Lernen beschleunigt oder bremst.

Wie sag ich es nur? Darf ich das überhaupt sagen oder ist das unhöflich? Andere Menschen auf Fehler anzusprechen, ist eine heikle Angelegenheit. Das lässt sich gut am Thema Rechtschreibung nachvollziehen. Andere Menschen auf Rechtschreibfehler anzusprechen, ist oft ein Minenfeld, das sprachlich gut verpackt und umschifft werden will. So schweigen wir oder sprechen von Tipp- oder Flüchtigkeitsfehlern. Verpackt in das Verständnis für Zeitdruck klingt es weniger schlimm.

Eine Scheu haben viele auch in Situationen, in denen sie andere vor peinlichen Momenten bewahren können, etwa weil einer Person Spinat auf dem Schneidezahn klebt oder an der Kleidung etwas ungünstig verrutscht ist. Wer wäre nicht froh, leise und unter vier Augen vor solchen Peinlichkeiten bewahrt zu werden? Dennoch empfinden wir die direkte Ansprache von Unperfektheit schnell als Demütigung oder Übergriff.

So banal das Beispiel mit dem Spinat auf dem Schneidezahn ist, so schön illustriert es die Folgen: Wenn wir Fehlern ausweichen, sie ignorieren und wegsehen, können wir sie nicht korrigieren. Ein vermeintlich positives Verhalten, kann also negative Folgen haben.

Unser Bild vom Lernen und Fehlern ist gesellschaftlich geprägt

Fehler sind unangenehm. Keine Frage. Kurz nicht aufgepasst und schon ist das Malheur passiert. Manchmal mir schmerzlichen Folgen. Ebenso klar ist: Niemand ist perfekt. Jeder Mensch ist fehlbar. Und oft genug erwächst aus Fehlern eine neue Erkenntnis. Warum sind Fehler trotzdem so negativ belegt?

Wir haben es so gelernt. Wir wurden nach unserem Maß an Perfektion gemessen und bewertet: Null Fehler ist eine Eins mit Sternchen. Jeder Fehler wird rot markiert und je mehr Fehler wir haben, umso schlechter die Bewertung. Für schlechte Noten wiederum gab es mitunter Strafen. Aber auch ohne Strafe gilt: Wer weniger Fehler macht, ist besser angesehen. Eine typische Gegenbewegung von Leistungsschwächeren ist die Abwertung von Leistungsstarken als Streber*innen.

Ein weiterer Aspekt speist sich aus unserer Vorstellung, dass Kinder lernen müssen und Erwachsene irgendwie fertig seien und wissen, wie etwas geht. Nach dem Abschluss einer Lehre von ausgelernt zu sprechen, illustriert diese Erwartung, die wir häufig unserem Gegenüber entgegenbringen, aber ebenso an uns selbst richten. Wenn wir aber erwarten, etwas zu wissen und zu können, erscheinen Unsicherheiten, Unwissen oder Fehler wie eine Abwertung der eigenen Kompetenz oder sogar der eigenen Person.
Auch die Möglichkeiten von Photoshop, ausführlich genutzt nicht nur von der klassischen Werbung, sondern auch zur Inszenierung eines vermeintlichen Traumlebens durch Influencer*innen befeuern den Anspruch nach Perfektion.

Wir geraten in Rechtfertigungsdruck oder versuchen, Fehler und Unwissen zu vertuschen. Das Problem dabei: Wenn wir Fehler ignorieren oder überspielen, verschwinden sie nicht. Sie geraten nur aus unserem Blickfeld und auf diese Weise verhindern wir, aus Fehlern zu lernen und sie künftig zu vermeiden.

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Das Gehirn will aus Fehlern lernen. Der Mensch nicht immer.

Das menschliche Gehirn ist ein hocheffizientes Organ. Wenn es ein Ziel hat, organisiert es sich fokussiert, analysiert die vorhandenen Daten, leitet Muster ab, identifiziert Irritationen. Das tut es von Beginn an bis zum letzten Atemzug. Die Forschung nennt das die Plastizität des Gehirns.

Babys haben eine überaus erfreuliche Fehlerkultur. Wenn wir einem Baby oder Kleinkind dabei zuschauen, wie es sich den Bewegungsraum und die Sprache erobert, sehen wir eine lange Kette von Versuch und Irrtum. Und am Ende hat kein Mensch laufen gelernt, ohne hinzufallen. Was ein Baby oder Kleinkind natürlicherweise beherrscht, können viele Erwachsene nicht mehr.

Statt das Scheitern als Teil eines Lernprozesses zum Ziel zu betrachten, werten wir Fehler und Scheitern häufig als Versagen und werten Menschen ab. Ein Gehirn, das so genormt ist, hat es schwer, Fehler zu analysieren, denn das ginge mit einer Selbstabwertung einher. Die kann und will es nicht zulassen oder zumindest nicht nach außen zeigen.

Was heißt das für die interne Kommunikation?

All diese Faktoren wirken im betrieblichen Miteinander. Und je nachdem, wie stark Hierarchien und die Erwartung an Perfektion sind, nützen all die Methoden nichts, die dafür da sind, Verbesserungspotenziale zu erkennen und zu nutzen. Im Recap werden die wichtigsten Punkte verschwiegen, die Ergebnisse eines mit Begeisterung und Elan durchgeführten World-Cafes verschwinden in einer Schublade. Nach dem erfolgreichen Design-Thinking-Workshop geht es in alten Mustern und Gewohnheiten weiter.

Damit eine offene Fehler- und Entwicklungskultur gelingen kann, muss sie vorgelebt und gefördert werden. Erst wenn Beschäftigte Vertrauen haben, dass sie für Fehler nicht abgestraft werden, dass nicht Ja-Sagen, sondern Mit-Denken belohnt wird, öffnen sie sich langsam. Die Herausforderung besteht also darin, gelernte Verhaltensmuster zu hinterfragen und zu verändern.

Die wichtigsten Vorbilder hierfür sind die Führungskräfte. Sie müssen vorleben, was sie erwarten. Dazu gehört es, die eigene Selbstdarstellung zurückzunehmen und die eigene Menschlichkeit und Fehlbarkeit zu zeigen. Das erfordert Mut, aber das ist die Aufgabe von Führung: Verantwortung übernehmen und Strukturen gestalten.

Fehlern die Bedeutung schenken, die sie verdienen

Eine positive Fehlerkultur betrachtet Fehler und Fehlbarkeit mit der nötigen Sachlichkeit. Fehler sind nicht egal. Natürlich wollen wir sie vermeiden. Aber sie passieren, weil niemand perfekt ist, weil niemand alles vorausahnen kann, weil wir Menschen sind. Wissen ist niemals vollständig. Fehler sind nichts, wofür man sich schämen muss, sondern Hinweisschilder dafür, wo wir besser werden können.

Es ist also wichtig, sie weder unter den Teppich zu kehren, noch sie für eine Abwertung zu missbrauchen. Beides schadet dem Lernprozess. Wie verhält sich das bei Ihnen oder in Ihrem Unternehmen? Die eigene Fehlerkultur lässt sich daran messen, wie wir auf Fehler reagieren. Übergehen wir sie und spielen sie herunter? Rechtfertigen wir uns und suchen die Schuld bei anderen? Oder nehmen wir sie ernst und an und überlegen, was wir aus ihnen lernen können?

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Schreibfehler als Seismograph für die Fehlerkultur

Eingangs sprach ich von unserem Umgang mit Rechtschreibfehlern. Tatsächlich sind sie ein prima Indikator für die eigene Fehlerkultur. Schreibregeln sind etwas Schizophrenes: Einerseits schalten viele beim Wort Rechtschreibung ab, weil sie es für langweilig halten. Andererseits reagieren ebenso viele sehr emotional, wahlweise auf Schreibfehler, die sie bei anderen sehen oder, wenn sie selbst bei Fehlern erwischt werden.

Zwei Beispiele:
Auf einer Messe präsentierte ein Redner sein Programm, darunter fünf Punkt für das Leben. Er arbeitete mit Anglizismen, vermutlich weil sich 5 und Life reimen. Nur schrieb er Live, was eine andere Bedeutung hat und in diesem Kontext falsch war. Am Ende der Veranstaltung suchte ich einen Vier-Augen-Moment und wies den Redner freundlich darauf hin. Ich hätte mir das umgekehrt ebenso gewünscht. Er bedankte sich und schrieb mir später noch eine Dankesmail, weil er den gleichen Fehler an weiteren Stellen seiner Unterlagen fand und verbessern konnte. Ich empfand die Reaktion angenehm und hochprofessionell.

Auf LinkedIn kritisierte der Inhaber einer Socialmedia-Agentur den häufigen Gebrauch des Wortes „Thought Leader“, nicht weil er Anglizismen kritisieren wollte, sondern weil es zum Buzzword würde, wenn es inflationär benutzt wird. Dabei fand sich in dem Post ein wildes Durcheinander von Schreibweisen mit und ohne Kopplungsstrich, teilweise gemischt innerhalb eines Wortes. In meinem Kommentar ging ich nur inhaltlich auf den Post ein. Zu den Schreibfehlern schrieb ich selbstverständlich nichts öffentlich, denn ich möchte ja niemanden bloßstellen. Also schrieb ich eine höfliche PN, in der ich auf die uneinheitlichen und falschen Schreibweisen hinwies. Das mache ich nur bei Leuten, die ich grundsätzlich positiv wahrnehme und von denen ich glaube, dass sie damit umgehen können. Ich hatte mich mächtig geirrt. Der Mann sprang förmlich aus der Haut, empörte sich, wie ich ihm so etwas schreiben könne, rechtfertigte sich, klagte mich an und blockierte mich. Das alles geschah innerhalb weniger Minuten und in mehreren PNs. Aus meiner Sicht hat dieser Mann eine problematische Fehlerkultur. Warum sonst regt er sich über einen Rechtschreibfehler so auf?

Darum ist Sprache ein hervorragendes Trainingstool

Jetzt bleibt die Frage, warum Menschen auf Sprache so emotional reagieren. Das gilt für Rechtschreibfehler ebenso wie für das derzeit häufig diskutierte Thema inklusive Sprache. Sprache ist uns selbstverständlich. Wir drücken mit ihr unser Erleben von Welt aus und sie ist unser wichtigstes Werkzeug für Kommunikation.

In der Grundschule haben wir Lesen und Schreiben gelernt und spätestens nach Abschluss der Sekundarstufe 1 erwarten wir von uns und anderen, dass sie richtig lesen und schreiben können. Das ist zwar nicht so, wie wir jeden Tag lesen können und wie uns zahlreiche Studien zeigen, aber die Erwartung ist da. In Kombination mit der oben beschriebenen Erwartung an Perfektion und der damit verbundenen empfundenen oder tatsächlichen Abwertung, entsteht eine toxische Mischung, die Innovation und Qualitätsentwicklung behindert.

Albert Einstein wird das Bonmot zugeschrieben, dass man ein Problem niemals mit derselben Denkweise lösen kann, mit der es entstanden ist. Unsere Denkweise heute ist nach wie vor stark geprägt von industrieller, arbeitsteiliger und geplanter Organisation von Arbeit und Welt. Die Wirklichkeit ist längst eine andere. Das hat uns die Corona-Pandemie gerade eindrücklich vor Augen geführt. Aber auch Klimawandel, Digitalisierung, Globalisierung und demografischer Wandel stellen uns vor Herausforderungen, deren Auswirkungen auf unser Leben komplex und nicht vorhersehbar sind. Wir müssen also unser Denken befreien, um die nötigen Innovationen denken und entwickeln zu können. Dafür brauchen wir Mut, Inspiration und eine positive Fehlerkultur.
 

Sie möchten mehr über Fehlerkultur erfahren? Am 26. Mai gibt Sigi Lieb im Online-Seminar „Entwickeln Sie eine positive Fehler- und Lernkultur“ Tipps, wie wie unsere Vorstellung von Lernen und Fehlern geprägt werden und wie Sie solche Prägungen verändern können.

 

Sigi Lieb ist Trainerin und Beraterin für bessere Kommunikation. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Zusammenspiel von Sprache, Mindset und Kommunikation. Sigi Lieb unterstützt Unternehmen und Menschen in kommunikativen Skills sowie in Changeprozessen für eine digitale, diverse und globale Arbeitswelt. Sie ist Diplom-Sozialwirtin, gelernte Radio- und TV-Journalistin, zertifizierte PR-Beraterin und hat einen Bachelor für Erwachsenenbildung. Mehr zu Sigi Lieb auf Linkedin oder bei www.gespraechswert.de.

 

Foto: Unsplash

Carsten Schulz