Henriette Viebig über eine große Chance für die interne Kommunikation.

Im Saal geht langsam das Licht aus, vorher verwies eine nette Stimme darauf, dass das Klingeln mobiler Telefongeräte eher störend wäre für das, was kommt. Auch Fotos und Videos seien eher nicht erwünscht. Kaum ist es dunkel, hebt sich der Vorhang, eine neue, uns im Publikum noch unbekannte Welt öffnet sich. Ein Raum, ein Ort entsteht teilweise vor unseren Augen, teilweise in unserer Phantasie. Es folgt die nächste Zutat: Figuren beginnen den Raum zu bevölkern – wir lernen sie kennen durch das, was sie sagen, was sie tun, wie sie auftreten. Und langsam entwickelt sich das Bild von Ort, Zeit und Geschehen immer detaillierter in unseren Köpfen.

Würden so, wie in einer klassischen Theateraufführung, die Sternstunden der internen Kommunikation – also Netzwerktreffen oder Managementkonferenzen – gestaltet und erlebbar, hätten wir viel erreicht.

Doch leider erleben wir als Kommunikatoren und im Nachgang auch unsere Kunden, die Teilnehmer dieser Nicht-Inszenierungen sind, oft nur lose hingeworfene Slogans, Inhalte, die keinem roten Faden folgen, oder Treffen, bei denen noch lange danach die Frage offen ist, was das eigentlich sollte.

Dabei ist doch Storytelling gerade wieder in aller Munde. Storytelling ist der neue Hype, wenn Manager über Kommunikation sprechen oder jemand einfach mal etwas neu Klingendes sagen will. Deswegen ärgere ich mich. Denn: Geschichten und strategisch wichtige Inhalte aus dem Unternehmen spannend genug zu erzählen, also so, dass die vorher klar festgelegten Ziele bei den ebenfalls klar beschriebenen Zielgruppen ankommen, ist klassisches Handwerkszeug guter Kommunikationsprofis – ungeachtet, ob sie als Journalisten auf der einen oder als PR-Leute auf der anderen Seite der Schreibtische sitzen. Und Storytelling ist ja nur ein neues Denglisch für Geschichten erzählen. Darum ärgere ich mich.

Aber gleichzeitig kann ich mich kaum halten vor Freude: Mag ja sein, dass Geschichten schon immer unser Handwerkszeug waren und es weiterhin sind. Aber mal ehrlich: Wie oft können wir damit unsere Auftraggeber überzeugen? Gäbe es, wären wir schon immer erfolgreich gewesen, so viele nicht nachhaltige Berichte, Veranstaltungen etc.? Vermutlich nicht. Daher bin ich dankbar, dass immer mehr Menschen und Manager das klassische griechische Drama für sich wiederentdecken und beginnen, ihre wichtigen Botschaften passend zu ihren verschiedenen Zielgruppen in spannende Geschichten zu verpacken. There is a story to tell! Mit der Hilfe von Helden oder Anti-Helden erreichen sie Menschen und Mitarbeiter auf ganz neue, intensivere Weise. Dafür schenken wir ihnen den schicken neuen Begriff und lassen sie statt langweiligen Chartreißern sehr gerne mitreißende Storyteller sein.

Aus dem Dunkel des Publikums schallt jetzt tosender Applaus in Richtung Bühne. Die Figuren in unserem Stück haben ihren Auftrag erfolgreich ausgeführt und mitgerissen, angerührt oder aktiviert. Das Publikum verlässt den zwischenzeitlich wieder hell erleuchteten Saal und freut sich auf die gerade beginnende Zukunft, den echten Dialog miteinander oder sogar mit den Darstellern. Das heißt jetzt aber nicht mehr Gespräch oder Dialog, sondern real-time-Storytalking.

Henriette Viebig ist seit 2014 Leiterin der Konzernkommunikation bei der Körber AG. Sie verantwortet dort die externe und interne Kommunikation inklusive Markenkommunikation des internationalen Technologiekonzerns. Zuvor leitete Viebig beim Energieversorger RWE das Team „Interne & Online-Kommunikation“ und das historische Konzernarchiv. Ihre Laufbahn startete sie in Agenturen: bei PR Nord und FleishmanHillard. Viebig hat Branchenerfahrung in den Bereichen Investitionsgüter, Energie, Pharma, Bau, Consumer Products etc.

Story

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